Suche
  • ERNA

Interview mit Christine Rall

Sopransaxophonistin beim Raschèr Saxophone Quartet

©Felix Broede



Wann hast Du angefangen, Saxophon zu spielen?


Mit 9 Jahren habe ich meinen ersten Unterricht am Saxophon bekommen. Davor habe ich recht intensiv Blockflöte gespielt. Allerdings war es schon mit fünf Jahren mein großer Wunsch, Saxophon spielen zu lernen.


Prägenden Eindruck hat Barbara Thompson bei mir hinterlassen, die ich als Kind im Fernsehen gesehen habe. Eine Frau am Saxophon, das fand ich stark, das hat mir gefallen. Dieses Bild blieb mir in Erinnerung bis ich sie später traf. Sie hat Musik für das Raschèr Saxophone Quartet geschrieben und wir haben zusammen musiziert.


Eigentlich sagt man, dass der Zahnwechsel der Schneidezähne abgeschlossen sein sollte, bevor man mit dem Saxophonspiel beginnt, allerdings ist das nicht unumgänglich. Ich habe mit dem Altsaxophon begonnen. Mit dem riesigen Koffer habe ich mich schon sehr abmühen müssen und war froh, wenn ich den Weg zur Musikschule nicht zu Fuß zurücklegen musste. Das Sopransaxophon ist da leichter handlebar, das ich mit 11 Jahren zu spielen begonnen habe.


Ich hatte das Glück, gleich von Anfang an eine wunderbare Lehrerin zu haben, Carina Raschèr, die Tochter des Gründers und selbst Mitglied des Raschèr Saxophone Quartet. Sie hatte stets ein hervorragendes Auge für die Affinität ihrer Schüler*innen zu den Saxophongrößen. Sie bestellte mir ein Instrument aus den USA und fortan durfte ich 2.Sopran in ihrem Saxophonensemble der Musikschule Tübingen spielen.



Was ist das Besondere für dich am Saxophon?


Durch die Begeisterung meiner Lehrerin, habe ich schon früh die Wandelbarkeit des Klangs beim Saxophon kennengelernt.


Beim Raschèr Saxophone Quartet können wir die ganze Bandbreite dieser Klangvielfalt abdecken.

Wir bemühen uns immer um einen warmen und vollen Ton, der nah an die menschliche Stimme herankommt. Wenn die Obertöne sich mischen und verbinden, ist das Balsam für die Seele, Baden in Wohlklang.


Häufig bekommen wir als Feedback zu hören, dass man, wenn man die Augen schließe, gar nicht genau wisse, um welches Instrument es sich handle. Mal höre man Fagott, mal Flöte, mal Cello. Das ist genau das Faszinierende an diesem Instrument.


Wenn wir im Quartett spielen, können wir einen nahtlosen Übergang der Stimmen herbeiführen. Auch im Zusammenspiel mit Chören ist das sehr schön. Der Klang der Instrumente verschwimmt mit den Stimmen der Sänger*innen. Dadurch ergeben sich sehr schöne Klangmöglichkeiten.



Spürst du auch einen pädagogischen Impuls?


Bei uns im Raschèr Saxophone Quartet ist das gar nicht voneinander zu trennen. Die Lehre gehört zur Philosophie des Konzeptes. Der Gründer Sigurd Raschèr, der mit allen großen Orchestern der Welt gespielt hat, hat es als hohes Privileg bezeichnet, unterrichten zu dürfen. Lehren wird auch als eigenes Lernen gesehen, als eine gegenseitige Inspiration.

So hat auch seine Tochter Carina Raschèr, Sopransaxophonistin im Raschèr Saxophone Quartet, mit Begeisterung unterrichtet. Die Grundidee ist das ‚positive reinforcement’, also die positive Verstärkung, ein achtsamer, geduldiger und positiver Umgang mit der Schüler*in. Das hat mich fasziniert und geprägt.


Wir haben die Raschèr Saxophon Akademie, die über den Oberbadischen Blasmusikverband organisiert ist. Dort geben wir ganzjährig Kurse und sprechen Saxophonist*innen aller Alters- und Könnensstufen an. Die Bandbreite reicht von 8jährigen Schüler*innen über Teilnehmer*innen, die sich auf Aufnahmeprüfungen vorbereiten bis hin zu Senior*innen.


Jetzt haben wir ein neues Projekt, um auch den Norden besser abdecken zu können: die „Raschèr Baltic Academy!“ im Nordkolleg in Rendsburg mit dem Raschèr Baltic Saxophone Orchestra. Das soll ein Nachwuchstalentorchester sein, in dem nicht nur Profis spielen, sondern ganz aktuell z.B. Finalist*innen des Lions-Musikpreises. Es soll vier Probemodule pro Jahr geben und im Anschluss eine Tournee in ein baltisches Land, in diesem Jahr nach Polen.


Mit dem Nordkolleg in Rendsburg haben wir eine perfekte Partnerschaft finden können: es ist ein sehr innovativer und professioneller Ort, flexibel und zum Wohlfühlen.

Im Süden wollen wir perspektivisch auch eigene Räumlichkeiten anmieten, in denen die Raschèr Saxophon Akademie beherbergt ist und das auch wir als Probelokalität und Büro nutzen können.


Um Pfingsten herum haben wir immer einen Kernkurs und einen langen Sommerkurs mit anschließenden Konzerten, angelehnt an Sigurd Raschèr, der das immer schon so praktiziert hatte.


So sprechen die Meisterkurse nicht nur die Profis an, sondern alle Saxophonist*innen, die an einer intensiven musikalischen Auseinandersetzung interessiert sind. Zu Beginn eines Kurses sind das oft über 40 Musiker*innen, die sich dann in unterschiedlichen Ensembles und Gruppen zusammenfinden. Zunächst gibt es oft erstaunte Blicke, wenn festgestellt wird, dass ambitionierte Anfänger*innen mit Profis in einem Kurs sitzen. Wenn man einmal dieses Kursgeschehen erlebt hat, versteht man das Konzept besser. Alle profitieren und lernen voneinander. Natürlich gibt es auch Einzelunterricht und Formationen mit ähnlichem Leistungsniveau.

Es ist ein eher ungewöhnlicher pädagogischer Ansatz, der sich bisher immer bestätigt hat und wir daher der Idee treu geblieben sind.


Nachfolger*in im Raschèr Saxophone Quartet kann (meist) nur werden, wer über viele Jahre an diesen Kursen teilgenommen hat und sich musikalisch und menschlich entsprechend weiterentwickelt hat. Die Fluktuation im Quartett ist allerdings sehr gering, ich bin erst die zweite Sopransaxophonistin in 51 Jahren.


Wir geben Meisterkurse auf der ganzen Welt. Vergangenes Jahr haben wir den ersten Onlinekurs gegeben, unterstützt durch das Goethe-Institut. Das war eine besondere Erfahrung und hatte den schönen Effekt, dass Entwicklungs- und Schwellenländer mit von der Partie waren. So waren u.a. Teilnehmer*innen aus Kenia, Bosnien-Herzegowina, Bolivien, Cuba, Brasilien, Ecuador, Kolumbien, Kenia, Kosovo, Nicaragua und Panama dabei. Ihnen wäre es sonst wahrscheinlich nicht möglich gewesen, an einem unserer Kurse teilzunehmen.



Was denkst du über ERNA?


Als ich von der Idee hörte, war ich zunächst neutral, hatte aber Interesse, mehr davon zu erfahren. Dann habe ich gesehen, dass sich das Ganze in einem tollen Rahmen abspielt, ich habe vor Ort ein Wohlgefühl empfunden. Zudem gibt es einen qualitativ hohen Anspruch.

Was mir besonders gefällt ist, dass der App-User die Pianist*in sehen kann, zum akustischen Signal ein optisches hinzukommt. Auch die Erweiterungen sind gut: die Loop-Funktion und die Verlangsamung.


Eine gewisse Gefahr sehe ich schon, dass man auf die echte Korrepetiton verzichten könnte, gerade bei Jugend musiziert. Andererseits weiß ich um die Knappheit von Korrepetitionsstunden, da besteht natürlich ein großer Profit durch die Übemöglichkeit mit Klavierbegleitung.


Meine eigene Erfahrung ist auch, dass ich Stücke oft erst verstanden habe, wenn die Klavierstimme dazu kam. Normalerweise hat man nur wenige Korrepetitionsstunden vor einem Wettbewerb. Diese Proben sollten gut laufen. Wenn das vorher geübt werden kann, ist es von großem Vorteil. Das hätte mir früher viel geholfen.

Demnächst möchte ich bei ERNA Scaramouche (Suite von Darius Milhaud) einspielen. Genau dieses Werk habe ich einmal in Schweden bei einem Wettbewerb gespielt mit einem mir fremden Pianisten. Es war sehr schwierig, weil ich die Klavierstimme nicht im Ohr hatte.

Bei den Aufnahmen für ERNA geht es um eine möglichst perfekte Wiedergabe der Werke. Man möchte die Dinge auf den Punkt bringen. Ich werde dann wahrscheinlich jeden einzelnen Ton dieser Klavierstimme kennen (lacht).


Zudem hat sich im vergangenen Jahr herausgestellt, dass andere Formate auch angenommen werden. Zukünftig wird es sicher parallel eine Mischung aus live-Veranstaltungen und online-Konzerten geben. Natürlich ist ein live-Erlebnis durch nichts zu ersetzen, auch nicht das kammermusikalische Spielen, gleichzeitig wollen die Veranstalter aber auch Streams anbieten.

Egal ob App oder Stream, wenn die Qualität stimmt, sind das zusätzliche Möglichkeiten.


Wenn ich in meinem Umfeld von dieser Plattform berichte, ist die Reaktion sehr positiv. Ich glaube, dass es Erfolg haben wird.






169 Ansichten