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Gespräch mit Sarina Zickgraf und Frank Dupree


Frank Dupree ist ein international erfolgreicher Pianist und Dirigent oder beides zugleich und Sarina Zickgraf erfolgreiche Bratschistin, bekannt für ihren samtenen Ton. Sie sind in den ERNA Studios, um Werke von Brahms und Sitt einzuspielen.



ERNA: Du spielst Klavier und dirigierst gleichzeitig. Das ist beeindruckend, aber kommt uns für die Aufnahmen für ERNA sehr entgegen, da die Solist*in die Zeichen für Einsätze oder Betonungen braucht. Was ist dabei die besondere Herausforderung?


Frank Dupree: Klavier spielen an sich ist vielfältig. Man spielt viele Stimmen gleichzeitig. Es sind verschiedene Linien und Harmonien, die parallel laufen. Man braucht einen Überblick über die Musik und einen rhythmischen Puls. Mit der Klavierstimme kann man die Musik führen und folgt dabei der Solist*in. Man gibt Hilfestellung für ein besseres Zusammenspiel. Das macht Kammermusik aus. Die musikalische Partner*in muss auch wissen, was ich tue.

Deswegen ist die ERNA-App auch so wichtig zur Vorbereitung. Die Linien müssen zusammen passen.


Sarina Zickgraf: Das sehe ich auch so. Einer meiner ersten Lehrer hat mir, nachdem ich meine Stimme auswendig konnte, die Klavierstimme hingestellt, sodass ich den Klavierpart mitlesen konnte.

Das Zuhören und das Aufeinanderhören sind enorm wichtig. Die Pianist*in hat die Solostimme mit in den Noten, die Solostimme hat keine Klaviernoten oder nur sehr selten. Es gibt mittlerweile Ausgaben, die die Klavierpartitur klein mit aufgenommen haben und fett gedruckt oder größer die Solostimme.


Frank Dupree: Man muss viel viel mehr wissen als in den Noten steht. Das macht die Erfahrung aus. Es ist solidarisches Miteinander wie ein musikalischer Dialog. Verglichen mit anderen Aktivitäten: Beim Tanzen harmoniert es auch nicht mit jedem Tanzpartner, man muss sich an die Schrittlänge des oder der anderen anpassen, damit es funktioniert. Oder beim Fußball: Der schönste Pass bringt nichts, wenn die Mitspieler*innen ihn nicht annehmen können oder sich erst mal selbst inszenieren möchten.


Sarina Zickgraf: So ist es in der Kammermusik. Mit manchen passt es auf Anhieb, mit anderen manchmal auch nicht.


Frank Dupree: Man kann das schon auf professionellem Niveau durchziehen und spielt die richtigen Noten, aber die letzten 2% fehlen. Es macht dann auch weniger Spaß.


Sarina Zickgraf: Mich hat immer das Zusammenspiel interessiert. Gerade in der Kammermusik, besonders vielleicht in den Mittelstimmen, ist es wichtig zu wissen, welche Funktion ich gerade habe, welche Rolle ich spiele. Die Bereitschaft zuzuhören, ist die Voraussetzung für gutes Zusammenspiel. Einen Vorteil hat es vielleicht, wenn man mehrere Instrumente spielt, die Werke so von Anfang an aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten zu können. Am Ende ist ein Werk ein Gesamtklang, zu dem jeder einen Beitrag leistet.


Frank Dupree: Am Klavier kann man die Polyphonie gut üben und den Händen unterschiedliche Aufgaben, unterschiedliche Gewichtungen, unterschiedlichen Ausdruck geben.

Im Zusammenspiel gilt es, die Ohren zu öffnen. Das eine Ohr ist fürs Orchester oder die anderen Stimmen, das andere Ohr bleibt bei meiner Stimme. Das ist für die Pianist*in schwerer, da dieses Instrument an sich schon sehr konzentrationslastig ist.




ERNA: Ihr konzertiert ja in erster Linie. Spürt Ihr auch einen pädagogischen Impuls?


Sarina Zickgraf: Mit 15 Jahren habe ich angefangen, selbst zu unterrichten. Dadurch habe ich auch für mich selbst sehr viel gelernt. Jedes Kind ist anders und dadurch immer eine neue Herausforderung. Unterrichten ist schon eine große Aufgabe. Und es braucht Konstanz.

Selbst wenn wir nicht unterrichten oder unterrichtet werden, lernen und lehren wir in jeder Probe, jedem Konzert, jeder Aufnahme.


Frank Dupree: Wir sind gerade in dem Alter, in dem man am Machen ist. Wir haben das Studium vor wenigen Jahren abgeschlossen - da ist es wichtig, dann auch loslegen zu können.


Ich habe zwei/drei Jahre als Lehrbeauftragter und davor als Assistent meiner Professorin gearbeitet, habe privat aber nie unterrichtet, zur Vorbereitung für ein Vorspiel jedoch immer gerne geholfen und hier und da einen Meisterkurs gegeben.


Mein pädagogisches Arbeiten liegt im Dirigieren. Die Proben sind Pädagogik. Ein Orchester ist wie ein Organismus, der geführt werden muss. Die Proben sind die eigentliche Arbeit, und zwar zu 80% pädagogische und psychologische Arbeit und nur zu 20% musikalische Arbeit. Es sind ja alles Profimusiker*innen, daher ist das eine sehr empfindliche und sensible Sache. Man muss sehr gut begründen, warum man was wie haben möchte. Ich nenne es Spielraum, in allen Auslegungen. Es gibt Spielraum in der Deutung, es ist ein gemeinsames Spielen im Raum, auch der Raum spielt eine große Rolle. Und für jeden Raum, jedes Orchester und jedes Werk muss man wieder alles neu denken. Jedes Instrument klingt in jedem Raum anders und das ist die Aufgabe der Dirigent*in, das zu erspüren und weiterzugeben, um am Ende einen Klangkörper zu gestalten. Das Konzert ist die Kür, da ist die Arbeit schon getan.


Ein weiteres Anliegen ist es mir, die Genres der Musik näher zusammenzubringen. Ich möchte gar nicht in Kategorien denken. Musik ist nicht auf dem Papier erfunden worden, sondern durch das Machen. Gesang und Trommelrhythmen und vielleicht Flötentöne gibt es schon immer. Musik ist Musik. Volksmusik bedingt die klassische Musik. Brahms hat zum Beispiel Volkslieder in seinen Werken verarbeitet. Mit meinem Jazztrio versuche ich ganz praktisch, diese Trennungen aufzuheben und verbinde zum Beispiel Beethoven mit Swing. Und das Publikum bestätigt mir mein Gefühl und reagiert absolut begeistert. Ich möchte vermeintlich verschiedene Welten auf eine Bühne bringen. Noch einige schöne Projekte schlummern in meinem Hinterkopf.


Sarina Zickgraf: Das eine bedingt das andere. Und das eine prägt das andere oder hat Einfluss darauf. Das ist doch das Spannende. Musik beschränkt sich ja nicht nur auf eine Stilrichtung.



ERNA: Was denkt Ihr über ERNA?


Sarina Zickgraf: Diese App ist ein wichtiger Baustein. Es ist eine gute Möglichkeit, sich selbst zuzuhören und anderen zuzuhören. Man kann damit gut die Scheuklappen öffnen und sich inspirieren und anregen lassen. Die Möglichkeit, mit anderen zu musizieren und vor allem die Klavierbegleitung ist an Musikschulen und teilweise sogar an Musikhochschulen sehr begrenzt. Mit ERNA bekommt man Lust, gemeinsam zu musizieren.


So sollte nicht nur die Musikschule Zielgruppe sein, sondern auch Studierende, die sich Standardwerke als Vorbereitung für Prüfungen oder Wettbewerbe erarbeiten. Man kann sich auf die erste gemeinsame Probe ganz anders vorbereiten und die Klavierstimme richtig kennenlernen.


Frank Dupree: Ich sehe für diese App in viele Richtungen eine große Chance. Man kann leicht ein großes Repertoire kennenlernen und für sich herausfinden, was einen anspricht, worauf man Lust hat. Man lernt, zusammen Musik zu machen. Und das ist es, was Musizieren ausmacht.

Und eben alles was dazu gehört: das Tempo halten, das Zuhören, das Achten aufeinander,…


Früher habe ich in stundenlanger Arbeit die Klavierstimme auf Kassette aufgenommen, um dazu dann Vibraphon spielen zu können. Hätte ich so eine App gehabt, ich hätte ständig dazu gespielt.


Diese App ist eine Entlastung für Pianist*innen.



ERNA: Vielen Dank für das offene und ehrliche Gespräch.



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